Eine Veranstaltungsreihe zum 100. Geburtstag von Pier Paolo Pasolini

 


Pier Paolo Pasolini wurde am 5. März 1922 in Bologna geboren. Er gilt als einer der bedeutendsten italienischen Intellektuellen der Nachkriegszeit. Sein Werk als Lyriker, Erzähler, Dramatiker, Filmemacher und Essayist hat bis heute internationale Ausstrahlung, die auch in seiner Person begründet ist. Das Engagement für Minderheiten, deren Ausgrenzung Pasolini aufgrund seiner Homosexualität selbst erlebt hat, die politische Dimension seines Werks, ästhetisch äußerst vielfältig und innovativ, die Überzeugung, für Vielfalt einzutreten, eine notorische „Spannung zwischen traditionellem Ausdruck und Traditions-Verweigerung“ (Theresia Prammer)* - alles dieses erklärt vielleicht die besondere Faszination für Pasolini bis heute.

Die Deutsch-Italienische Vereinigung e.V. möchte zusammen mit verschiedenen Partnern in einer Reihe von Gesprächen und Vorträgen mit aktiven Pasolini-ForscherInnen über diese und andere Fragen zu Leben und Werk diskutieren und die Aufmerksamkeit eines breiteren Publikums auf diesen bedeutenden Autor und sein vielfältiges Werk lenken.

Wie lässt sich das nachhaltige Interesse an Pasolinis Schriften begründen? Sind es die Vielfalt der Ausdrucksformen und Medien, die poetische Sensibilität seiner Lyrik, die Fragilität seiner Figuren, die Mischung von Engagement und Zurückgezogenheit des Menschen und des Künstlers, das Visionäre seiner politischen Schriften? Paolo Volponi hat Pasolini als „den besten italienischen Lyriker nach Giacomo Leopardi“ bezeichnet und auch in seinem essayistischen Schaffen als Erneuerer und Revolutionär gesehen, als einen Intellektuellen, der die brennenden Probleme unserer Gesellschaft erfasst hat. Theresia Prammer sieht ihn ähnlich wie Marilyn Monroe als einen Mythos, gleichzeitig sei sein Werk „lebensfähig“ unabhängig von der Person des Autors, ein Werk, das immer noch Raum bietet für Interpretation. Die zahlreichen Neuerscheinungen in Italien  und im Ausland auch in diesem Jubiläumsjahr weisen darauf hin, dass Pasolini mit seinem künstlerischen Schaffen ein Visionär war, der Konzepte von Film und Theater revolutionierte, bereits früh mit Crossover arbeitete, und auch im poetischen Schaffen Neuland betrat. Man „braucht“ Pasolini, sagte Stefano Casi, um die politisch-gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit - jeder Zeit - zu meistern.

Das Tableau der Eingeladenen vereint Pasolini-Forscherinnen und Forscher aus verschiedenen Disziplinen und Generationen. Der Theaterwissenschaftler Gaetano Biccari (Frankfurt/Offenbach) hat eine neue Zusammenstellung von zum Teil noch nie veröffentlichten „Gesprächen und Selbstzeugnissen“ bei Wagenbach herausgebracht. Angela Oster (Universität München) hat in ihrer Dissertation mit dem Titel „Ästhetik der Atopie. Roland Barthes und Pier Paolo Pasolini“ (Heidelberg 2006) die „gemeinsame poetologische Konzeption“ der beiden Autoren herausgearbeitet und ihre Pasolini-Studien in den Jahren danach fortgesetzt, die in einer Monographie, die 2022 erscheinen soll, münden. Fabien Kunz-Vitali (Universität Kiel/Venedig) hat eine kommentierte Ausgabe der Gespräche zwischen Gideon Bachmann und Pasolini (1963-1975) zum filmischen Schaffen von Pasolini für 2022 vorbereitet (Galerie der abseitigen Künste, Hamburg). Ein großes Feld der Pasolini-Forschung ist natürlich die Übersetzung seiner Lyrik. Theresia Prammer (Berlin) hat ihren im „Schreibheft“ 73 (2009) publizierten Übertragungen nun, bereits Ende 2021, den umfangreichen kommentierten Band „Nach meinem Tod zu veröffentlichen. Späte Gedichte“ (Suhrkamp, Berlin) folgen lassen. Sie hebt die Spannung zwischen dem in Italien verwurzelten Dichter und seiner globalen Wirkung hervor und die Tatsache, dass er auch ein wichtiger Zeitzeuge der politischen Geschichte Italiens ist. Mit Peter Kammerer (Urbino), der zuletzt 2011 „Afrika, letzte Hoffnung“ (Corso, Hamburg) vorgestellt hat, tritt einer der Pioniere der Pasolini-Publizistik auf. In dem Gespräch wird es um die Problematik der Übersetzung, aber auch das Engagement und die Rezeption des Autors Pasolini gehen.In moderierten Veranstaltungen soll der internationalen kulturgeschichtlichen Wirkung von Pasolinis Werk aus verschiedenen Perspektiven nachgegangen werden. Dabei ist auch geplant,  Studierenden sowohl in der Vorbereitung als auch in der Durchführung der Veranstaltungen einzubinden.

Ziel der Reihe ist die Fokussierung auf Leben und Werk eines Künstlers und Publizisten, der wie kein zweiter im Nachkriegsitalien Kunst und Gesellschaft geprägt und mehrere Generationen mit seinen bahnbrechenden Theorien und Konzepten in den Bann gezogen hat. Heute steht er für eine engagierte Haltung und die Forderung nach Toleranz und Dialog.

PROGRAMM

24. März 2022 - Neuer Termin: 14. Juni 2022 im Filmmuseum

L’uomo, la vita
Gespräch mit Dr. Gaetano Biccari (Offenbach) über sein Buch:
Pier Paolo Pasolini. In persona. Gespräche und Selbstzeugnisse (Berlin, Wagenbach 2022)
Moderation: Dr. Philip Stockbrugger (Frankfurt)
(zweisprachig)

28. April 2022

Il poeta e la traduzione
Gespräch über den Band: Pier Paolo Pasolini: Nach meinem Tod zu veröffentlichen. Späte Gedichte, übers. und hrsg. von Theresia Prammer (Berlin, Suhrkamp, 2021)
Buchvorstellung und Lesung mit Theresia Prammer (Berlin)
Moderation: Prof.Dr. Christine Ott (Frankfurt)
(mit Lesung, zweisprachig)

13. Mai 2022

Das Kino 1/ Die Pasolini-Bachmann-Gespräche
Dr. Fabien Kunz-Vitali (Universität Kiel/Venedig) im Gespräch mit Dr. Margrit Frölich
Moderation: Dr. Philip Stockbrugger (Frankfurt)
(auf Deutsch)
Ort: Evangelische Akademie Frankfurt

7. Juli 2022 - Neuer Termin wird noch bekanntgegeben

L’impegno/Das Engagement
Gespräch zwischen Peter Kammerer (Urbino) und Ursula Apitzsch (Frankfurt)
(auf Deutsch)

3. November 2022

Das Kino 2/Pasolinis Filmschaffen
Vortrag

* In ihrem Nachwort zum Band „Nach meinem Tod zu veröffentlichen. Späte Gedichte“ (Berlin 2021), S. 607.

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SONDERAUSSTELLUNG



Giovanni Cerri (*1969), der «Chronist» unter den Künstlern der Westend Galerie, der Geschichte und Gegenwart aufmerksam verfolgt, reflektiert und malerisch interpretiert, hat eine Werkreihe als Hommage an Pier Paolo Pasolini geschaffen. Er macht die Zweifel und Widersprüche des großen Schriftstellers und Filmregisseurs mit seiner speziellen Arbeitstechnik nicht nur sichtbar, sondern emotional nachvollziehbar. Dem Maler geht es um Wahrhaftigkeit, die er durch das Prozesshafte, durch Fragmente und Schichtungen erreicht: Fließende Farbspuren, Collagen mit Falten und Furchen, eine reduzierte Farbigkeit lassen die Zerrissenheit Pasolinis zwischen Christus und Marx und die Welt seiner Romane und Filme aufleben. Eine Leinwand und mehrere Arbeiten auf Papier sind begleitend zum Veranstaltungsprogramm «... si vive per sperimentare la vita /... man lebt, um das Leben auszuprobieren». Pier Paolo Pasolini (1922–1975) – Lyriker, Essayist, Filmemacher in der Arndtstraße zu sehen.